|

Du nix Geld?

Wer auf dem Land aufgewachsen ist, kennt noch die Zeiten, als Italiener, Spanier, Portugiesen, dann Türken und zuletzt Polen „Gastarbeiter“ genannt, aber nicht wie Gäste behandelt, sondern zu primitiven Bedingungen in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. Von Gastarbeitern hatte man sich grundsätzlich fernzuhalten, der Kontakt mit ihnen beschränkte sich auf das Herumkommandieren, wozu es eine eigene Sprache gab, deren Hauptmerkmal der Infinitiv war: Du machen dort sauber. Du räumen das weg. Du stellen keine Fragen. Wozu konjugieren, wenns auch einfacher geht?

Etwa zur gleichen Zeit – Anfang der 1980er Jahre – hat der Gesetzgeber den Begriff „Armenrecht“ als diskriminierend oder zumindest veraltet angesehen und ihn durch „Prozesskostenhilfe“ ersetzt. Klingt weniger abwertend, klingt moderner, klingt menschenwürdiger.

Die Justiz, vor der angeblich alle Menschen gleich sind, neigt allerdings zum Konservieren. Sie hat ihre Abläufe seit wem Kaiserreich kaum verändert, weshalb in Justitias heiligen Hallen mitunter Fossile der Rechtsgeschichte wandeln. Eines davon ist zu finden am Amtsgericht Bingen am Rhein. Es vereint das verstaubte Armenrecht mit der damals gepflegten Gastarbeitersprache. Ich vermute, es ist das am wenigsten in Anspruch genommene Formular Deutschlands. Oder würdest Du, geneigter Leser, dort zugreifen?

Ähnliche Beiträge

  • Richterliche Unabhängigkeit

    Wie weit geht eigentlich die „richterliche Unabhängigkeit“? Das Netz ist voll von skurrilen Urteilen. Ich erwähne hier nur mal zwei herausragende Beispiele (mit Quellenangabe, falls es jemand nicht glauben will): 1.) Das Landgericht Stuttgart hat einst verlauten lassen, was es von der Urteilsfindung in oberen und höchsten Gerichten hält: »Die entsprechende Rechtsprechung des BGH ist…

  • Blinddarm der Justiz

    Was ist eigentlich ein „Organ der Rechtspflege“? Im Neuen Justizzentrum Koblenz läuft derzeit (Ende Juli 2025) ein Prozess mit verschärften Sicherheitsmaßnahmen: Taschen- und Personenkontrollen. Nach Intervention des Anwaltvereins und der Anwaltskammer konnte erreicht werden, dass mit Anwaltsausweis verifizoerte Kollegen nicht leibesvisitiert werden. Die Taschenkontrollen bleiben! Zur Stellung des Rechtsanwaltes im System der Rechtspflege normiert § 1…

  • Instanzenzug

    Was ist eigentlich der „Instanzenzug“? Ich wage einmal zu behaupten, dass selbst Juristen mit Erstem Staatsexamen den Unterschied zwischen einer Berufung und einer Revision nicht verstehen. Erst im Referendariat, dem halbwegs praktischen Teil der Juristenausbildung, beginnen sie vielleicht zu begreifen, weshalb man ab dem zweiten Staatsexamen voraussetzt, dass sie es verstanden haben. Was noch nicht…

  • | |

    nulla poena sine lege

    Was bedeutet eigentlich der „nulla-poena-Grundsatz“? „Nulla poena sine lege“ ist der Paukenschlag des Strafrechts. Ein Satz, der so bedeutungsvoll ist, dass er im Gesetz gleich zweimal vorkommt, nämlich in § 1 StGB als Überschrift und Auftakt des Strafgesetzbuches und in Art. 103 Abs. 2 Grundgesetz als eines der Justizgrundrechte. Wer die lateinische Sprache für ihre…

  • Strafakte

    Wie entsteht eigentlich eine „Strafakte“? Akten, Akten, Akten! Die ganze Justiz besteht nur aus Akten.In Strafprozessen sind sie blassrot, daher „Rotakten“ genannt. Wenn ein Fall „durch die Instanzen geht“, also durch Rechtsmittel immer eine Instanz höher, bisweilen auch wieder zurück an den Anfang wandert, wird tatsächlich eine papierne Akte auf dem Postweg hin und her…